Selbstverwaltung des Studentendorfes Schlachtensee e.V.

Geschichte

Weg in s/wAls Kind der (um 1955 noch…) engen Beziehung Amerika-Deutschland geboren, wurden sogleich hohe Erwartungen in das Studentendorf der FU gesetzt, sollte es doch „1. für die Universität […] die Möglichkeiten pädagogischer Einwirkung erweitern und dabei 2. einen Bereich […] politischer Erziehung schaffen“, so FU-Wohnheimbeauftragter Walter Killy damals. Von amerikanischer Seite, dem mit großen Spenden beteiligten State Department, sprach man gar von der „außerordentlichen Bedeutung“ des „Lichts, das in die Ostzone scheinen“ würde.

Ganz im Gegensatz dazu jedoch wurde ein konkreter Einfluss der demokratisch gewählten Selbstverwaltung der ersten Bewohner 1959 dann aber in der Stiftungsurkunde leider (oder gar absichtlich?) vergessen. So kam es dazu, dass nur ein schwaches „Licht“ scheinen konnte - verordnete und durchorganisierte akademische Veranstaltungen erinnerten wohl gar zu stark an besagte Ostzone. Konflikte waren vorprogrammiert: Wer bestimmt über Form und Inhalt des kulturellen Programms, des eingerichteten Tutorensystems und überhaupt über das alltägliche Miteinander? Die autoritäre Haltung des damaligen Senatsbeauftragten für Wohnheimsfragen und Dorfleiters Dr. Engel führte bald zu dem wahrhaft „geflügelten“ Wort: „Ein Engel wacht über Euch bei Tag und Nacht…“. Der Höhepunkt seines Einsatzes war wohl die fristlose Kündigung einiger Studenten, die es in der Silvesternacht gar noch kurz nach zwölf Uhr gewagt hatten, sich in einem der Studentinnenhäuser aufzuhalten.

Zimmer in s/wEin neuer Dorfleiter, Pastor Olav Brennhovd, der 1961 seinen Dienst antrat und stärker auf die Studenten zuging, konnte das Abebben der anfangs vorhandenen Aufbruchstimmung um die Idee eines selbstverwalteten „Studentendorf FU“ nicht verhindern. Die Studierenden litten an mangelnden Mitspracherechten, die Wohn- und Lerngemeinschaft spaltete sich in kleinere Grüppchen und Zirkel. 1964 schließlich kam es zu einer entscheidenden Neukonzipierung: Der Dorfleiter wurde abgeschafft, der studentischen Selbstverwaltung mehr Rechte eingeräumt. „Neues Wohnen statt Gemeinschaftsideologie“ war der Grundsatz.

Im Folgenden zeigte sich immer mehr, dass das Dorfleben ein Spiegel des gesellschaftlichen Lebens in Deutschland allgemein wurde. Der Generationenkonflikt und die Studentenbewegung der `68er erfasste das Dorf insbesondere mit dem Tod Benno Ohnesorgs. Rudi Dutscke wohnte kurzzeitig im Dorf, verlor jedoch schnell die Lust daran, sich von der Polizei ständig über die Flachdächer beobachten und verfolgen zu lassen. Auch die sexuelle Revolution hielt Einzug: In einer Nacht- und Nebelaktion traf sich beiderlei Geschlecht auf dem Dorfplatz und tauschte fleißig Schlüssel und Zimmer, so dass das geschlechtergetrennte Wohnen aufgehoben wurde, was den damaligen Bezirksbürgermeister Zehlendorfs von „moralisch verrohten Zuständen“ sprechen ließ. Dies änderte jedoch nichts an den geschaffenen Tatsachen und auch der heutige Besucher des Dorfes erkennt nur noch an den sanitären Einrichtungen der Häuser, ob es Männlein oder Weiblein zugedacht war.

WG-Haus in s/wDas Jahr 1973 schließlich brachte wieder einen Wandel in der Verwaltungsstruktur: Das FU-Studentenwerk wurde zur heutigen Anstalt (des öffentlichen Rechts…) und auch das Studentendorf kam somit stärker unter die Kontrolle des Berliner Senats. Dorfintern ging es eher unauffällig zu, die Arbeit der studentischen Selbstverwaltung konsolidierte sich, es gab ein Aufleben ihrer Einrichtungen wie Dorfkino und -zeitung, Theater, Tutorienprogramm, Bibliothek und zahlreiche Veranstaltungen. Aufsehen erregte nur die Verwicklung des Dorfes in die deutsch-deutsche Fluchthelferbewegung; DDR-Flüchtlinge fanden gelegentlich hier eine Anlaufstelle und kurzzeitige provisorische Unterkunft.

Erste bauliche Eingriffe sollten 1986 stattfinden: eine größere Sanierung und Umbau der Wohneinheiten zu Appartements hätten zu einer starken Änderung des ursprünglichen Konzepts der Architekten Fehling und Gogel und nicht zuletzt zu stark steigenden Mieten geführt. In einem gemeinsamen Kraftakt der studentischen Selbstverwaltung des Dorfes und der Abgeordnetenhausfraktion der Grünen wurden große Teile an Gebäuden und Gartenanlage unter Denkmalschutz gestellt und das gesamte Ensemble somit bewahrt.

Es dauerte bis 1998, bis das Dorf wieder in die Schusslinie Berliner Politik geriet. Wissenschafts- und Kultursenator Radunski entdeckte es, bzw. das Grundstück, –Denkmalschutz hin oder her- als für die klamme Haushaltspolitik opfernswert. Wegen chronischen Geldmangels sollte es einem Konsortium aus Deutscher Bank, VEBA und der Berliner Immobilienfirma „Realprojekt“ übereignet werden, das seinerseits Berlin dafür die alte Schultheißbrauerei an der Kreuzberger Methfesselstraße zwecks Unterbringung des Museums „Berlinischen Galerie“ zur Verfügung stellen wollte. Auch diesmal waren es wieder die Studenten, die sich für den Erhalt ihres Dorfes einsetzten. Ein Wertgutachten, das das gesamte Grundstück in diesem Zusammenhang weit unter Preis eingetauscht hätte, wurde nachhaltig in Frage gestellt, der Denkmalschutz bemüht und ferner fürchteten die zunächst interessierten Unternehmen gar um ihren guten Ruf und sagten den Deal schließlich ab. Das hinderte Bausenator Strieder allerdings nicht daran, die alte Schultheißbrauerei von seiner Senatsverwaltung aus zu erwerben und das Studentendorf im Gegenzug dafür seiner Verwaltung einzuverleiben, um es später meistbietend zu verkaufen. Nun, in der geplanten „Berlinischen Galerie“ hängen wegen Feuchtigkeit bis heute keine Bilder und das Studentendorf ist auch nicht verkauft, aber sinnloserweise entmietet – soviel zur Senatspolitik Berlins.

Anti-Abriss-Aktion 1Mittlerweile nahm der Widerstand Formen an. Ein Freundeskreis aus Architekten wie dem Vater der „behutsamen Stadterneuerung“ Prof. Hämer, Projektplanern, Politikern, Geldgebern, Studenten und sonstigen am Erhalt Interessierten bildete sich, der intensiv an einem Nutzungs- und Finanzierungskonzept arbeitete. Gewann bei einem ersten Ausschreibungsverfahren noch ein anderer Mitbewerber, so musste dieser doch mangels finanzieller Mittel bald die Segel streichen und bei einer zweiten Ausschreibung gewann das Konzept des Freundeskreises.

Anti-Abriss-Aktion 2Im zähen Ringen ist es zwischenzeitlich gelungen, auch weite Teile der Berliner Politik von diesem Konzept eines Weiterbetriebs durch eine Genossenschaft (ähnlich der der „taz“) zu überzeugen; größter Gegner ist allerdings weiterhin Bausenator Peter Strieder. Selbst Aufsichtsrat der Berliner Bankgesellschaft, die Milliardenkredite und –bürgschaften für den Betrieb maroder Plattenbauten vergab und damit in den märkischen Sand setzte, ist er beim Studentendorf nicht einmal bereit, die Kosten zu tragen, die durch seine wilde Entmietungspolitik um das Studentendorf entstanden sind. Durch den Leerstand kam es zu Schäden wie Schimmel und im Winter geplatzten Leitungen am mittlerweile von Architekten gar als Weltkulturerbe eingeschätzten Bauwerk. Nachdem Strieder das Projekt bei der Senatssitzung am 28.01.2003 weiter blockierte, muß dort nun weiter beraten werden.

(Stand 07.02.2003)

(Carsten Berger)

Quellen:
Ralf Zünder: Studentendorf Schlachtensee – eine Dokumentation; Berlin 1989
Dieter Neidlinger: Die Höhlen von Schlachtensee. In: AStA-Magazin 50 Jahre FU; Berlin 1998